Alles über Rücktrittbremsen

Die Rücktrittbremse ist eine spezielle Variante einer Hinterradnabe, die zwei Funktionen erfüllt:

  • Das Fahrrad kann vorwärts rollen, ohne dass die Pedale vorwärts angetrieben werden. Das ist die Freilauffunktion der Nabe (daher wird Sie im englischen Sprachraum auch "Coaster Brake" zu Deutsch "Freilaufbremse" genannt). Hier gibt es verschiedene Mechanismen, diese Funktion zu erreichen.
  • Sie funktioniert als Bremse, die betätigt wird, indem man die Pedale rückwärts tritt.

Die Rücktrittbremse wurde in den 1890er Jahren erfunden und ist seitdem weiterhin in manchen Gegenden bis heute beliebt.

Die klassische einfache Rücktrittbremsennabe ist ohne Gangschaltung. Jedoch kann eine solche Nabe auch mit einer Rücktrittschaltung ausgestattet sein.

Vor- und Nachteile

Vorteile Nachteile
Rücktrittbremsen funktionieren bei Regen genau so gut wie bei Trockenheit. Rücktrittbremsen machen das Anfahren etwas schwieriger und behindern die Nutzung von Klickpedalen und Pedalriemen, da es keinen einfachen Weg gibt, die Pedale in die richtige Startposition zu rotieren.
Rücktrittbremsen benötigen im allgemeinen weniger Wartungsaufwand als jeder andere Bremsentyp. Rücktrittbremsen neigen zum blockieren des Laufrads und zum Skidden, das zu erhöhtem Reifenverschleiß führt.
Vom Lenker aus verlaufen keine Züge zur Bremse. Dadurch wird der Gesamtaufbau des Fahrrads einfacher und aufgeräumter. Wenn Rücktrittbremsen versagen (normalerweise durch einen Kettenriss oder -abwurf), versagt die Bremse plötzlich und vollständig.
Das Fehlen von Zügen bei einer Rücktrittbremse ohne Schaltung oder mit Rücktritt-Zweigang-Schaltung ist insbesondere Vorteilhaft bei Falträdern oder zerlegbaren Fahrrädern. Rücktrittbremsen neigen in bergigem Terrain zum Überhitzen und Bremsschwund.
Rücktrittbremsen sind eine gute Alternative für Fahrer mit geringer Handkraft oder ohne Arme. Eine Rücktrittbremse in einer Nabenschaltung verkompliziert den Mechanismus und verkleinert die Möglichkeiten zur Schmierung.
Rücktrittbremsen sind normalerweise recht schmal. Ihre Einaubreite beträgt 110-114 mm und sie können auch mittels Unterlegscheiben an der Achse auf größere Einbauweiten angepasst werden. Mann kann eine Rücktrittbremse nicht mit einem Kettenspanner oder eine Kettenschaltung kombinieren.
Eine Nabenschaltungsnabe kann eine Rücktrittbremse beinhalten, so dass man zwei Funktionen in einer Naben zur Verfügung hat. Zu viele Fahrräder sind ausschließlich mit einer Rücktrittbremse ausgestattet, so dass man keine Ersatzbremse im falle eines Bremsversagens hat.
Ein Fahrrad mit nabenbremse kann rückwärts rollen, ohne dass sich die Pedale bewegen (nützlich bei Fahrradakrobatik) Aus Sicherheitsgründen soll jedes Fahrrad mit einer Vorderradbremse und irgendeiner Art Hinterradbremse ausgestattet sein. Das kann eine handbetriebene Bremse, eine Rücktrittbremse oder Fixed Gear sein.

Die Drehmomentstütze

Ein Laufrad hat einige rotierende Bauteile (Reifen, Felge, Speichen, Nabenkörper) und einige stationäre Teile (Achse, Konen). Die Bremswirkung einer Rücktrittbremse wird grundsätzlich durch Reibung zwischen den stationären und rotierenden Teilen erzeugt.

Wenn die Bremse bedient wird, wird auf die Achse ein Drehmoment angelegt. Die normalen Achsenmuttern können diesem Moment nicht entgegenwirken. Daher haben Rücktrittbremsen eine Drehmomentstütze, die unterhalb der linken Kettenstrebe verläuft.

Das hintere Ende dieser Stütze ist mit dem linken Konus der Naben verbunden, der wiederum mit dem Bremsschuhen verbunden ist.

Das vordere Ende der Drehmomentstütze ist an die Kettenstrebe geklemmt. Diese Klemmung gibt es entweder als Metallband, das um die Kettenstrebe geschlungen ist, oder sie wird an ein Anlötteil an der Kettenstrebe geschraubt.

Anmerkung von John Allen
Das Metallband im unten zu sehenden Bild ist nur lose um die Kettenstrebe geschlungen. Das ist ein häufiger fehler. Falls die Bremse zum Halten gegen Rückwärtsrollen des Fahrrads benutzt wird (Zum Beispiel, wenn man bergan an einer Ampel steht), rotiert die Drehmomentstütze aufwärts. Beim normalen Abbremsen rotiert die Drehmomentstütze abwärts. Wiederholte Bewegungsmuster können die Schraube, die das Metallband halten, oder die Achsenmuttern lösen. Das führt zu plötzlichen Bremsausfall. das Metallband hat normalerweise mehrere Löcher, um es dem Umfang verschiedener Kettenstreben anzupassen. So kann man es immer fest genug um die Kettenstrebe umschlingen und befestigen.


Drehmomentstütze

Die Befestigung der Drehmomentstütze an der Kettenstrebe ist lebenswichtig. Eine der häufigsten Ausfälle von Rücktrittbremsen ist das Misslingen die Drehmomentsütze nach dem Aus- und Wiedereinbau des Laufrads wieder richtig zu befestigen.

Falls man das Fahrrad ohne korrekte Befestigung der Drehmomenstütze fährt, rotiert die Stütze beim Bremsen abwärts und löst auf Dauer den linken Konus. Daraus resultiert ein wackliges Laufrad und ein erhöhter Pedalweg, um die Bremswirkung zu aktivieren.

Die Drehmomentstütze ist der Platz, an dem üblicherweise Marke und Modell der Nabe eingestanzt sind.

Tipp

Wenn Du auf ein Fahrrad triffst, dass auf diese Weise gefahren wurde, erkennt man, dass die Drehmomentstütze nicht an ihrer Position steht. Man könnte nun annehmen, dass man das Laufrad ausbauen muss, um alles wieder einzustellen. Das ist jedoch oft unnötig und unter Umständen gar nicht möglich.

Wenn sich die gelöste Drehmomentsütze und der linke Konus drehen, schraubt sich der linke Konus auswärts. Dadurch drückt das Ausfallende kräftig gegen die linke Achsenmutter. Infolgedessen kann es fast unmöglich sein, diese wegen des Anpressdrucks zu drehen, wenn man versucht, diese abzuschrauben. Fahrradwerkstätten bekommen öfter Fahrräder zur Reparatur, bei denen die linke Achsenmutter, durch Versuche sie zu lösen, verhunzt wurde.

Der Trick ist es, die Ursache und nicht das Symptom zu bekämpfen. Statt sich direkt auf die Achsenmutter zu stürzen, kann man mit einem Werkstatthammer die Drehmomentsütze in ihre korrekte Position zurückbewegen. Oft ist dann schon alles wieder korrekt eingestellt und man hatte kaum Aufwand. Allermindestens löst sich der Anpressdruck gegen die Achsenmutter und man kann die Lagerkonen auf normale Weise wieder richten.

Auseinander- und Zusammenbau

Rücktrittbremsen ohne Gangschaltung sind recht einfach. Um eine Rücktrittbremennabe auseinanderzubauen, muss man nur alles auf der einen oder anderen Seite der Nabe von der Achse abschrauben. Alle Einzelteile kommen aus der linken Seite der Nabe hinaus.

Zweigang-Rücktrittbremsen-Naben schalten durch einen Rückwärtstretmechanismus, der schaltet, wenn man kurz rückwärts pedaliert. Manche Varianten schalten durch zentrifugale Gewichte.

Der Bremsenmechanimus funktioniert ähnlich dem einer Singlespeed-Rücktrittbremsen-Nabe. Jedoch können diese Naben im Aufbau recht komplex sein. Mehr dazu findet man auf den Seiten Sturmey-Archer Naben, Sachs und SRAM Nabenschaltungen und Technische Informationen zu Nexus und Alfine Drei-, Vier-, Sieben-, Acht- und Elfgangnaben

Teilelisten und Zusammenbauinformationen für viele Rücktrittbremsenmodelle finden sich am Ende dieser Seite.

Wie eine Rücktrittbremse funktioniert

Obwohl es im Detail Unterschiede gibt, funktionieren alle Rücktrittbremsen fundamental ähnlich. Jeder hersteller hat seine eigenen Bezeichnungen für bestimmte Bauteile. An dieser Stelle soll versucht werden, eine generische Terminologie zu nutzen:

  • Das Ritzel ist normalerweise durch einen Sprengring am Mitnehmer befestigt. Manche älteren Modelle haben Ritzel mit einem Lock Ring ähnlicher eine Fixe Gear Nabe befestigt.
  • Der Mitnehmer hat ein grobes Gewinde, dass in den Bremsenkonus geschraubt wird.
  • Dieser Bremsenkonus passt lose über die Achse und hat typischerweise konisch verlaufende Auskragungen an jedem Ende.
  • Wenn das Ritzel durch normales Pedalieren vorwärts gedreht wird, wird es durch das Mitnehmergewinde nach Außen gezogen, wo die konischen Auskragungen der rechten Seite des Bremesnkonus in den engen Teil der Nabenhülle drücken, so dass die Pedalierkräfte auf den Nabenkörper und damit auf den Rest des Laufrads übertragen werden.
  • Wenn das Ritzel/der Mitnehmer rückwärts bewegt werden, schiebt das Mitnehmergwinde den Bremsenkonus nach links, wo die konischen Auskragungen die Bremsschuhe auseinanderdrückt und diese von innen gegen den Nabenkörper pressen.
  • Die Bremsschuhe sind gebogen, damit sie in die innere Biegung des Nabenkörpers passen und innen sind sie keilförmig. Diese keilförmigen Enden passen rechts auf den Bremsenkonus und links auf den Lagerkonus. Der linke Lagerkonus hat ebenfalls Auskragungen, die verhindern, dass die Bremsschuhe im ihn herum rotieren können.
  • Die Verzögerungsfeder sieht bei allen Marken anders aus, hat aber überall den gleichen Zweck. Sie verhindert, dass der Bremsenkonus allzu frei mit dem Mitnehmer dreht. Falls nichts die Bewegung des Bremsenkonus aufhält, kann das Mitnehmergewinde ihn nicht hin und herbewegen und er würde mit den Mitnehmer zusammen rotieren.
  • Ausfall oder Verschleiß dieser Verzögerungsfeder ist der Hauptgrund für auffälliges Brems- oder Fahrverhalten einer Rücktrittbremse. Manchmal kann man sie durch Biegen enger einstellen und manchmal muss man sie ersetzen (falls man das Ersatzteil überhaupt findet).

Schmierung

Rücktrittbremsen ohne Gangschaltung sind absichtlich mit einer Menge Fett ausgefüllt. Kein Bauteil der Bremse kann durch Fett beschädigt werden. Daher kann man hier sehr großzügig schmieren. Man sollte ein fett mit hoher Temperaturtoleranz einsetzen (z.B. Bremsenfett aus dem Automobilbereich). Dennoch können Rücktrittbremsen, die im bergigen Gelände benutzt werden, jedes handelsübliche Fett "kochen".

Eine Rücktrittbremse mit Gangschaltung kann mehrere verschiedene Schmierungen benötigen. Dazu sollte man sich an die Empfehlungen des Herstellers halten.

Einstellen

Grundsätzlich gibt es bei einer Rücktrittbremsennabe ohne Gangschaltung nur eine Einstellmöglichkeit. Es handelt sich um die Lagerkonen links und rechts. Diese kann man ohne das Laufrad auszubauen einstellen.

Der linke Konus ist mit der Drehmomentstütze verbunden (Beschreibung siehe oben). Wenn man nun beide Achsennmuttern löst und einen Konusschlüssel auf den rechten Konus oder Kontermutter setzt, kann man die ganze Achse drehen. Der linke Konus ist bekanntlich mittels der Drehmomentsütze an der Kettenstrebe immobilisiert. So werden die beiden Konen gleichzeitig eingestellt.

Wenn man zu fest schraubt, kann die Nabe blockieren. Wenn die Konen zu lose sind, wackelt das Laufrad seitlich und der Pedalweg bis zum aktivieren der Bremse wird länger.

Englische Rücktrittbremse einstellen

Sturmey-Archer SC und viele andere englische Rücktrittbremsen werden anders eingestellt als oben beschrieben. Ein Ende der Achse ist viereckig. Der rechte Konus ist fest mit der Achse verbunden und der linke Konus ist wie üblich mit der Drehmomentstütze verbunden.

Zur Einstellung einer englischen Rücktrittbremse, belässt amn diese Nabe im Fahrrad und löst beide Achsenmuttern. Passenderweise kann man hier einen Engländer benutzen, um die gesamte Achse am vierckigen Ende zu drehen, um sie in oder aus dem linken Konus zu drehen. Wenn die Koneneinstellung stimt, zieht man die Achsenmuttern wieder fest an.

Jede Rücktrittbremsennabe, die ein viereckiges Ende hat wird genau auf diese Weise eingestellt.

Ritzel

Ein Ritzel mit drei Nuten

Die meisten neueren Rücktrittbremsen ohne Gangschaltung können die gleichen Ritzel mit drei Nuten einsetzen, die auch bei Nabenschaltungen zum Einsatz kommen. Diese Ritze gibt es in den Größen von 14 bis 24 Zähnen. Die Ritzelgröße zu ändern, um die Übersetzung(en) zu ändern, kann oft wünschenswert sein.

Diese Ritzel werden durch einen Sprengring gehalten, den man mit einem flachen Schraubendreher abhebeln. Wenn man das Ritzel ersetzt, sollte man Hammer und Dorn benutzen, damit der Sprengring richtig in seiner Vertiefung zu sitzen kommt. Dadurch kann das Ritzel sich nicht plötzlich lösen und die Bremse funktionslos machen!

Ältere Rücktrittbremsen hatten geschraubte Ritzel mit Kontermuttern - so wie sie bei Bahnrädern üblich sind. Obwohl sie in der Theorie gleich sind, haben sie dennoch unterschiedliche Gewinde. Daher kann man Bahnritzel hier nich verwenden. Ritzel mit Gewinde, die für Rücktrittbremsen hergestellt wurden, hatten an einer Stelle einen kurzen Radialen Schlitz, durch den man eine gebrochenen Speiche wechseln konnte, ohne das Ritzel abbauen zu müssen.

Beachte, dass bei Rücktrittbremsen das Übersetzungsverhältnis Auswirkungen sowohl auf den Vortrieb als auch auf die Bremsenfunktion hat!

  • Ein größeres Ritzel (kleinere Übersetzung) ermöglicht schnelleres Beschleunigen, leichteres Berganfahren und stärkere Bremswirkung.
    • Es limitiert jedoch die höchste mögliche Geschwindigkeit und man benötigt einen längeren Pedalweg, bis die Bremse aktiviert wird.
  • Ein kleineres Ritzel (höhere Übersetzung) erlaubt eine höhere Endgeschwindigkeit, da man nicht schneller sondern nur härter pedalieren muss. Das Aktivieren der Bremse geht schneller vonstatten (kurzer Pedalweg bis zur Aktivierung der Bremswirkung).
    • Berganfahren wird jedoch schwieriger und man muss härter nach hinten in die Pedale treten, um eine ordentliche Bremswirkung zu erzielen.

Informationen und Diagramme spezifischer Marken und Modelle

Sutherland's Handbook of Coaster Brake and Internal-Gear Hubs (englisch) auf den Seiten von Sheldon Brown behandelt viele gängige Rücktrittbremsenmodelle.

Beachte , dass manche Modelle "geheim etikettiert" sind oder es sind "Plagiate". Daher kann man auch nicht gelistete Modelle finden, die identisch zu denjenigen auf der Liste sind.

Achsen und Achsenmuttern sind im allgemeinen generisch.

Andere, interne, Bauteile sind im allgemeinen nicht käuflich zu erwerben. Daher bitte hier keine Anfregen dazu (auch bei Sheldons Website sind diese Anfrage fruchtlos).

Die folgende Auflistung verlinkt zu Informationen zu Modellen ohne Gangschaltung und zu Zweigang-Modellen. Rücktrittbremsen-Naben mit mehr als zwei Gängen sind auf der Seite Alles über Nabenschaltungen abgedeckt.

Rücktrittbremsen ohne Gangschaltung

Zweigang-Rücktrittbremsen

Falls jemand Informationen und Diagramme weitere Marken und Modelle kennt, die auf diesen Seiten geteilt gehören, bitten wir um Zusendung. Scans mit mindestens 200 DPI werden bevorzugt. Wer genug Vertrauen hat, kann diese Unterlagen auch gerne per Briefpost senden und wir schicken diese nach einem Scanvorgang wieder zurück.

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Siehe auch

Quelle

Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Bicycle Coaster Brakes von der Website Sheldon Browns. Originalautor des Artikels ist Sheldon Brown. Zusätzlicher Dank geht an Steve Birmingham und Henry Brunelle für die zusätzlichen Informationen in diesem Bereich.